Senslerdeutsch ist und bleibt ein wichtiger Bestandteil der Sensler Kultur. Christian Schmutz, Autor des Senslerdeutschen Wörterbuchs und «Slämsler» (macht sensler-deutsche Poetry-Slam-Texte) präsentiert jeden Monat ein Wort / eine Wendung mit einer schrägen Geschichte.
Juli 2010:
A Läckmer-Schutt:
Die Fussball-WM verdrängt alles andere - drum dreht sich auch das Wort des Monats um
dieses Ereignis. Schutte kommt wie viele Begriffe der Fussballersprache aus dem
Englischen, shoot heisst "schiessen". Darum ruft der eine Fussballer dem anderen
"schiess!", ohne dass dieser eine Pistole mit auf den Platz genommen hat. Und dann
drückt dieser tatsächlich ab - a jùschta Hammer, a Strich, a Bùmba, a Peescha.
Das braucht es, um ein Tor zu erzielen. Nicht nur so ein halbbatziger Läckmer-Schutt, a
Füdletrick, a telefonierta Pass oder as Tünel zwüsche de Hoseträäger dedüür... Am
besten gefällt mir da der Läckmer-Schutt. Wenn der einem Fussballer vorgeworfen wird,
ist der Spieler so unmotiviert, er wäre am besten gleich in der Buvette geblieben.
Juni 2010:
Kein Akkusativ?
Nicht die typischen Wörter wie "Fageta, Pärisou, Nüüscha, etc.", sorgen
dafür, dass uns sogleich auffällt, wenn jemand Senslerdeutsch spricht. Die
Lautung und Betonung sind wichtiger, zum Teil auch der Bau der Wörter und
der Sätze. Derartige Besonderheiten sind oft stabiler als der Wortschatz.
Sie halten den Dialekt am Leben. Dazu ein auffälliges Beispiel: "I schlee,
kene oder gübe <dier/mier>". Bei solchen Formen heisst es gern: "Die Sensler
haben keinen Akkusativ (Wen-Fall)." - Settiga Seich! Es ist nur so, dass
im Senseland bei "ich" und "du" (1./2. Pers. Singular und nur hier) die
Formen für Akkusativ und Dativ zusammengefallen sind - genau wie bei den
Berlinern im 18./19. Jahrhundert. Warum wir das tun, kann man heute aber
nicht mehr sagen.
Mai 2010:
Meiesinge:
Es ist nur ein Gerücht, dass die Blumen - "d'Meie" auf Senslerdeutsch - besser
spriessen, wenn man sie besingt. Nein, Meiesinge heisst nicht, dass man zu
Blumen singt, sondern es ist ein alter Sensler Heischebrauch der Kinder,
früher auch der ledigen Männer und Frauen. Sie gehen am 1. Mai von Tür zu
Tür und singen den Leuten meist Mai- und Frühlingslieder vor. Dafür gab es
früher oft Eier, Dörrbirnen oder Gebäck, heute vor allem Geld. Viele sagen,
dass die Liederauswahl und Singqualität der heutigen Kinder schlecht
geworden sei, aber es hat wohl zu allen Zeiten bessere und weniger gute
Sänger gegeben. Ende des 19. Jahrhunderts nannte man den Brauch spöttisch
"Maiheulen" oder "Maibrüllen" und wollte ihn gar verbieten.
April 2010:
Ggana:
Die diesjährigen Halbfinals der Eishockey-Playoffs laufen schon wieder seit
einer Woche - nur leider ohne Gottéron. Die Eishockey-Sprache, die sonst
überall im Freiburgerland zu hören war, ist abrupt verstummt. Kein hungriger
Torhüter knabbert mehr an seinem "Byssguyy" und es gibt kein "Icing" mehr
auf den "Terrassen". Niemand geht mehr "ga zybysle, ga schlyyfschuene, ga
patiniere" oder - wie heute meistens von Bern importiert - "ga
schlööfle". Keiner
kurvt mehr herum mit der "Ggana i de Hann". Die "Ggana", die kommt nun aber
von französisch <la canne> (anders als "kane" im März), und hebt sich von "Stock" oder "Schläger" in anderen Dialekten eindeutig ab. Da ist Gottéron
ein Ebenbild der sprachlichen Mischung in Freiburg.
März 2010:
kane:
Die Sensler kennen "kane". Es heisst <(sich) bereit machen>. Da die Herkunft
aber nicht einfach auf der Hand liegt, gibt es wunderbar phantasievolle
Herleitungen. "kane" komme z. B. von frz. "la canne" <der Stock>. Früher sei
ein Mann erst mit Hut und Stock abmarschbereit, eben "kanet" gewesen. Eine
andere Geschichte geht von den Milchkannen aus. Erst wenn diese in den
Kannen gewesen sei, eben "kanet" dann sei sie auch ablieferbereit gewesen.
Da ist es schon fast schade, dass die Wahrheit viel langweiliger ist:
"kane" kommt von Mittelhochdeutsch
"gehanden, gehanen" <zur Hand sein; bereit sein> und hat es damals weit
herum gegeben. "gehane" wurde dann bei uns zu "kane" abgeschliffen. Aber
wenigstens reflexiv, also "sich/isi kane", gibt es das Wort nur bei uns.
Februar 2010:
Nüüscha:
Winterzeit ist oft auch «Schnupfenzeit». Da sprechen die Sensler von der Nüüscha, mit offenem ü wie bei Tüsch. D Nüüscha ist «der Schnupfen» und dabei fühlt man sich gern mal tschuppet «kränklich, mitgenommen». Die Form Nüüscha gibt es nur im Senseland - in Gurmels ist es ganz ähnlich: d Nöischa oder d Neischa. Die Begriffe kommen wohl vom Greyerzer Patois, wo der Schnupfen nihya hiess. In anderen Schweizer Dialekten spricht man von Pfnüsel, Rüüme, Schnoderi, Chnisel, etc. Eine Nüüscha ist immerhin weniger schlimm als eine Grippe. Influenza heisst diese in der Fachsprache. Das Wort haben Sensler - aus Spass oder Missverständnis - gern auch in Fulenza umgewandelt. Krank sein stand für arbeitsame Sensler einfach nicht zur Debatte.