DER SENSLER DIALEKT

EINZIGARTIG UND UNVERKENNBAR

SENSLERDEUTSCHES WORT DES MONATS

Senslerdeutsche Sprüche, Redewendungen, Begriffe und Worte. Monatlich erklärt von Christian Schmutz. Dialektologe, Co-Autor des Senslerdeutschen Wörterbuchs, Schnabelweidredaktor.
 
Februar 2024

zǜgle

Senslerdeutsch ist Teil der Welt. Wir übernehmen gern und oft Wörter und Begriffe von anderen Regionen. Aber es geht auch umgekehrt! Die Begriffe zǜgle und Zǜgleta gab es bis 1900 nur im Berner und Freiburger Oberland. Grundbedeutung des alpwirtschaftlichen Begriffs zügle war «im Jahresverlauf (mit Vieh und Gerätschaften) von einer alpinen Alp zum nächsten ziehen; zwischen Weiden, Tälern, Alpen wechseln; eine Alp bestossen». Dem Schweizerischen Idiotikon war aber auch aufgefallen, dass selbst die allgemeine Bedeutung «umziehen; Wohnort wechseln» im frühen 20. Jahrhundert hier, also im Oberland von Bern/Freiburg, begann. Und seither hat es Karriere gemacht: Zügeln «umziehen» steht als Schweizerhochdeutsch heute im Duden – und wer kennt das in der Deutschschweiz nicht? 



Januar 2024

Piita, Piiti

Wilde Tiere machen nicht an der Sprachgrenze halt, einige bêtes sind auch hinübergesprungen. Zuerst zum Wortursprung: Lateinisch bestia «Tier» wurde französisch zu bête, frankoprovenzalisch zu bithe, betye, béta «Tier» und auf Deutsch viel negativer zu Bestie, Biest. Einige neutrale Westschweizer Unterbedeutungen finden sich auch in Deutschfreiburg. Vom Kartenspiel peetle habe ich im Januar 2022 berichtet. Tierisch näher verwandt sind Sensler Piita und Piiti. Piita ist aus Patois bithe «Insekt, Ungeziefer» entstanden. Die Verkleinerungsform Piiti wurde neben «Ungeziefer» auch abschätzig für Frau oder ein grösseres Tier gebraucht: Affei neei, as settigs Piiti! Einzigartig im Senseland. Möglich ist gar, dass Pytta, Pyttela «Huhn» und Pytteli «Küken» auch auf Patois bîthe «weiblicher Vogel» zurückgehen. Vielleicht ist es aber auch lautmalend.

Dezember 2023

Wintersch

Die aktuelle Ausstellung im Sensler Museum heisst «wintersch». Wie bitte? Das ungewohnte Wort hat schon zu vielen Diskussionen geführt. Die Endung -sch ist bodenständig wie Taafersch, Gǜfersch, andersch, asch, Yysch oder wen ersch (wenn er es). «Schibilantisierung» wird das Verschieben von -s zu -sch genannt; ein alpines Phänomen, das wir auch aus dem Wallis kennen: Hyyschini (Häuser). Winters heisst «zur Winterzeit, winterlich», es ist ein Adverb, das aus einem erstarrten Genitiv entstanden ist. Vergleichbar sind die Zeitadverbien morgens, nachts; senslerdeutsch geschtrig, fäär, zmoonerischt. Da sind sùmmersch ù wintersch analog geschaffene, neue Formen. Geläufig war früher im Senseland vor allem die Umschreibung im Winter. Aber wer sagt denn, dass nur gelten darf, was es vor über 100 Jahren schon gegeben hat? So kann aus winters gut regional spezielles wintersch entstehen. 


November 2023

Chǜrbs, Chǜrpscha

Es ist Zeit, um Lautung und Entwicklung eines herbstlichen Sensler Worts auszubeineln: Kürbis kommt von Mittellatein (cu)curbita. Heute sagen fast alle Sensler Chǜǜrbis. Diese hochdeutschnahe Bezeichnung zeigt, dass bei vielen der Kürbis vom Speiseplan verschwunden war. Er wurde erst vor gut 30 Jahren von aussen wieder draufgesetzt. Einige Familien (auch die meine) haben über Chǜrbsechueche «Blechkuchen mit püriertem Kürbis» eine kulinarische Tradition beibehalten. So ist auch die alte Lautung ohne i erhalten geblieben. Auch das Schweizerische Idiotikon hat im späten 19. Jahrhundert Chǜrbs und Chǜrbse für die halbe Schweiz aufgeführt sowie Chǜrpsche, f., einzig belegt im Freiburger Oberland. Stimmt die Angabe «feminin», hätte es lautgesetzlich Chǜrpscha geheissen. Das gab es wohl männlich wie weiblich: d Chǜrpscha und de Chǜrpsche. 


Oktober 2023

Gginggi, Gginggitschùggù
Neben dem Chränzli auf dem Kopf und den Handorgel-Ärmeln zieht das Medaillon über der Brust der Chränzlitracht den Blick an. Senslerinnen und Sensler nennen es Gginggi, Agnus-deei oder Amedeeli. In der grossen silbernen Kapsel liegt oft ein Gepräge des Gotteslamms aus Wachs. Während Gginggi wohl zu gingge, ginggele «baumeln, klingend sich bewegen» gehört, kommen Agnus-deei und abgeschliffenes Amedeeli aus dem Kirchenlatein. Agnus dei heisst «Lamm Gottes». Das Medaillon wird an einer langen Kette um den Hals getragen, der Agnus-Deei-Chetti. Daran fixiert ist am Rücken eine schwarzes Band mit Schleife, der sogenannte Gginggitschùggù und grosser Lätsch. Tschùggù/Tschǜggeli kam wohl über altes Patois ins Senseland. Wie hier im November 2020 ausgeführt, beschreibt es etwas Rundliches, so auch eine Schlaufe.

Verwandt zu Kleidern und Trachten auch: vùrbùtze (Wort des Monats März 2011), Strange, Strengli (Januar 2012), gginggele (November 2014), Tschoope (Januar 2015), Trǜtscha (April 2019), Fageta (Juni 2019) und Tschǜggeli (November 2020).


September 2023
Chränzli, Chränzlitochter
Aktuell werden im Sensler Museum Trachten ausgestellt, darunter natürlich die einzigartige Chränzlitracht der Mädchen. Das Chränzli auf dem Kopf mit den vielen Sǜuberschlötterlini fällt sofort auf. Chränzli bedeutet in katholischen Gebieten «ringförmiger Kopfschmuck aus Blumen oder Laub»; es war ein Zeichen der Jungfräulichkeit. In anderen Gegenden trugen auch Buben Chränzli, oft einfach der Kleidung angeheftet; ähnlich einem Kranz, den Schützen oder Schwinger erhalten. Chränzlitochter (VS, FR), Chränzlimeitli (LU, SO) oder Chränzlijungfrou (LU) wurden die Trägerinnen genannt. Sie begleiteten oft auf Prozessionen mit einer Kerze in der Hand das Allerheiligste, also die schmuck präsentierte, geweihte Hostie. Das Chränzli gab der traditionellen Tracht den Namen.
 

Juli/August 2023

Bolz, Bouz

Bouz oder Bolz wird die Mischsprache aus Französisch und Senslerdeutsch in Freiburgs Unterstadt genannt. Da Deutsch bzw. Senslerdeutsch in Freiburg stark zurückgegangen sind, hört man das Gemisch auch immer seltener. Der Begriff Bolt, Bolz wurde zuerst auf Deutsch verächtlich für Städter gebraucht. Wir finden das Grundwort auch in Witzbold, Saufbold. Überlebt hat Bolz für Städter dann aber nur auf der welschen Seite der Sprachgrenze, als Patois-Bezeichnung für die Städter aus Bulle und Freiburg. Hier wurde es vermutlich erst in den 1950er-Jahren aus langue des bolzes verkürzt zu le bolze als sprachliche Eigenart. Die Eigenbezeichnung der Unterstädter und das Freiburger Mundartjahr 1985 dürften wieder zur Ausbreitung im deutschsprachigen Raum geführt haben. So haben Deutsch- wie Französischsprachige wichtige Elemente zum Begriff Bolz beigetragen.


Juni 2023

kùtteret

Wy gseeschù uus, aso kùttereta! – So gsee haut d Hippies uus.– I bǜ ki Hippie!
Beim Theaterstück «Zytte ändere sich» bespielt der Theaterverein Hintercher diesen Monat die 1970er-Jahre. Dazu gehören natürlich auch die Diskussion über die Haartracht der Jungen. kùtteret für «ungekämmt, zerzaust, struppig» scheint ein reines Sensler Wort zu sein, anderswo sprach man allenfalls von verchutzet, vertschuderet, gstruppet, verhünglet oder verchuttlet. Die Herkunft ist nicht einfach. Es dürfte ein Partizip Perfekt (ge-) von chutte gewesen sein, das das Idiotikon nur aus Freiburg und dem Berner Oberaargau auch für «an den Haaren schütteln, durchprügeln» belegt hat. Unklar ist vor allem, warum wir nicht gchutteret, sondern mit offenem, zum O neigenden Ù, gchùtteret sagen. Es wurde im Senseland manchmal auch von der Frisur auf Kleidung und Gegenstände übertragen. Diese konnten auch kùtteret sein. Fast wie die Hippies. 


Mai 2023
Ùùrscheli oder Ùùssi
Ist ein Ùùrscheli/Ùùrseli und ein Ùùssi/Ùùrschi dasselbe? Nein, beide Wörter sind selten mehr zu hören und so werden sie gern verwechselt. Das Ùùrscheli ist das «Gerstenkorn am Auge». Es hat seinen Sensler Namen aus dem Französischen erhalten: orgelet «Entzündung am Auge, die wie ein Gerstenkorn aussieht» geht auf Lateinisch hordeum «Gerste» zurück. Das Ùùssi hingegen ist im Sense-Oberland eine Papiertüte, später auch Plastiksack. Früher brachte man die Papiertüten in die Dorfläden selbst mit, um vor allem Zucker, Salz und Kaffee nach Wunsch einzufüllen und heimzutragen (wie heute die Unverpackt-Läden). Diesem Ùùssi stand die Unze als Verkaufsgewicht Pate, ähnlich wie die Berner von Löödli sprachen (Lot als Gewicht). Im unteren Senseland sagt man dafür Ggorni (vgl. westschweizerisch cornet für «Papier-/Plastiksack»).

April 2023 

SCHǛPFA 

Im Sprachatlas der deutschen Schweiz ist die «Schǜpfa» nur im Sensebezirk, «Schipfa» in Gurmels und Guggisberg sowie «Schüpfe» in Schwarzenburg belegt. Der «Holzsplitter in der Haut» wird sonst in der Deutschschweiz anders bezeichnet (vgl. von Westen nach Osten): «Spriisse, Spriissele, Spiisse, Spiis, Spiss» und in den Bergen von Jaun bis Davos «Schine, Schina». Unser Spezialfall «Schipfe», heute noch senslerdeutsch gerundet «Schǜpfa», geht wohl auf Mittelhochdeutsch «schiver, schivere» «(grösserer) Splitter aus Holz/Stein» zurück, das auch zum hochdeutschen Wort «Schiefer» geführt hat. In den Alpen wurde «schife(r)» auch in der Bedeutung «Schindel» für die Bedachung von Häusern gebraucht. Die Form mit «-pf-» ist eine Intensivbildung und der Holzsplitter im Fleisch eine Sonderbedeutung in dieser Gruppe. 

 

März 2023
Poläxli, Polätz
Eine Murmel zu suchen ist mühsam. Auf eine lange Suche führt uns auch Poläxli/Polätz, ein bald ausgestorbener Begriff für «Murmel». Woher kommt Polätz? Im Sensler Wörterbuch steht: «Von Patois polètse 'Murmel'». Suche ich dort weiter, finde ich bolatse, boletch, jedoch mit der Erklärung: «Entlehnung aus Deutschfreiburg»! Es scheint, dass keine Seite die heisse Kartoffel schälen will. Also: Ursprung war wohl das deutsche Verb bole «(etwas Rundes) werfen, schleudern». In der Deutschschweiz wurde im Bubenspiel Boll, Böli, Bollei für «kleine Kugel aus Ton, Stein oder Glas» gebraucht. Ob aber die Endung -etsch/-ätz/-äxli zuerst im deutschen oder welschen Gebiet angehängt wurde, lässt sich nicht mehr ermitteln. Papotsch zeigt, dass dies im Patois möglich ist, Chlùntsch, Lätsch im Deutschen. Jedenfalls ist es ein Hin-und-Her-Lehnwort direkt aus der Sprachgrenzzone.

PS: Murmel, Marmel, Marbel gehen auf Marmor zurück, Mittelhochdeutsch Marmer. Ein Wechsel -el/-er erscheint nicht selten

Februar 2023

Chläbtanta, Chläbonkù

Eine Zusammensetzung mit Chläb- muss eine klebrige Angelegenheit sein. Ist es nicht. Dafür sind die Ausdrücke viel einzigartiger Senslerdeutsch als ich gedacht hätte: Das Schweizerische Idiotikon führt nur Chläbvetter und Chläbbaasa als «Onkel/Tante durch Verschwägerung» auf – und dies einzig mit Belegen aus dem Sense-Oberland. Die Zusammensetzung entstand wohl zuerst abschätzig für nicht direkt verwandte sondern nur angeheiratete Tanten/Onkel. Vetter für «Onkel» hört man vereinzelt noch. In der Folge wurden auch die neueren Begriffe -tanta und -onkel «verchläbt»; heute ist eher Chläbtanta und Chläbonkù zu hören. Übrigens gab es passend dazu auch den Chläbggusching für «Mann der Cousine». All das in anderen Regionen unbekannt – was ich erst letzte Woche herausgefunden habe.  

Januar 2023
Bock, Böckli
«Dùù, heschù de Bock gschnitte?» Die angesprochene Frau war keine Senslerin und sie erschrak: «Welcher Bock, wo Bock? Ist das gefährlich?» Nein, aber interessant. Das vieldeutige Wort Bock ist als bouc ins Französische und als bok ins Patois gekommen. Jenseits der Sprachgrenze hat es weitere Bedeutungen angenommen wie z.B. «Spitzbart; von Böcken und Leuten» und «Stirnfransen»: chè fan lə bòk «sie machen (frisieren) sich einen Bock» (Patois von Charmey). In diesem Sinn hat sich Bock/Böckli schnyde wieder diesseits der Sprachgrenze etabliert – aber einzig im Senseland. Diese Haarmode kam erst nach dem 2. Weltkrieg auf; die Übernahme ist also eher jung. Einzig Patoissprecher und Sensler verbinden sich mit dem Böckli in der Stirn. In Deutschland sind die Stirnfransen der Pony, auf Englisch the fringe oder the bangs. Und auf Französisch la frange.

Dezember 2022
Byssguyy
Das aktuelle Wort des Monats scheint ein simples Lehnwort zu sein: Byssguyy kam von Latein bis coctus [panis] «zweimal gebackenes [Brot]» über Französisch biscuit zu uns. Es ist ein Feingebäck. Im Standarddeutschen und in Frankreich ist Biskuiteine leichte Dauerbackware (z.B. als Boden von Torten) im Gegensatz zum Keks, dem Sensler wie auch Westschweizer Byssguyy, Biscuit sagen (Berndeutsch und weiter: Guetzli). Wenn also jemand sagt: Das Leben ist kein Biskuit oder la vie n'est pas biscuit hat dieses Jemand andere Bilder im Kopf als bei unserem ds Lääbe isch kis Byssguyy. Bei uns ploppen Mailänderlini oder Spitzbuebe auf. Auch die übertragene Bedeutung von Biscuit «Stockhandschoner eines Eishockey-Goalies» ist von Kanada-Französisch in die Westschweiz und dann über das Bolz ins Senslerdeutsche gekommen. Das kennt man in der Deutschschweiz nicht.

November 2022
chǜrchle
In diesem Monat kommt die vierte Auflage des Senslerdeutschen Wörterbuchs heraus. Ein Grossteil bleibt unverändert, aber über 700 Artikel sind in einem Anhang neu aufgenommen. Zumindest eines dieser neuen Worte passt ideal in die kältere Jahreszeit: chǜrchle heisst «stark, keuchend husten». Josef Vaucher hat ein Beispiel im «Häpperetùmmer» gedichtet: «We dù triichsch va dem Linebluescht-Tee, / chǜrchlesch dù dyr Läbtig vùrgwǜss nie mee.» Chǜrchle ist ein lautmalendes Wort: Man hört förmlich den keuchenden Husten, wenn man die beiden Rachenlaute ausspricht. Es ist verwandt mit althochdeutsch querala «Gurgel». Charchle, churchle, chürchle gab es einst in weiten Teilen der Deutschschweiz, aber man hört es auch bei uns kaum mehr. Noch kurz zum Husten: Heute sagen alle hueschte mit h- wie hochdeutsch, noch vor 80 Jahren war wueschte mit w- vorherrschend.  

Oktober 2022
struppiert, gstruppiert
Das «Projektteam Alter» der Gemeinde Tafers hat sich mit Senslerdeutsch auseinandergesetzt. Da kam die Frage nach (g)struppiert auf. Struppiert gab/gibt es auf Deutsch in der Nähe von Französisch, Patois und Rätoromanisch: estropier, èchtroupya, strubchiar heissen da «verstümmeln, deformieren», gleich wie altitalienisch stroppiare. Dieses entstand im 14. Jahrhundert aus Mittellatein exturpiare «kaputt machen, ausrotten». Urahne der Wortfamilie ist Lateinisch turpis «hässlich, entstellt». Im Senseland bedeutete gstruppiert «behindert, handicapiert, schlimm verletzt», durch Unfall, Krankheit oder von Geburt an. Im 19. Jahrhundert kam struppieren auch als Fachwort der Pferdezucht ins Deutsche. Ausserhalb der schweizerdeutschen Sprachkontakt-Gebiete wurde es für Pferde gebraucht, die lahmten und kaum mehr brauchbar waren.

September 2022
Frigor, Chüelschrank
Natürlich, Chüel- oder Chüeu-Schrank tönt für Sensler Ohren fremd. Eine Zusammensetzung mit -schrank sieht nach wörtlicher Übersetzung aus dem Hochdeutschen aus, fast so schlimm wie Hubschruber. Aber Chüelschrank-Sager schlecht zu machen, greift auch zu kurz. Schliesslich ist Frigor/Frygoor ein Markenname wie Henniez, Natel, Bostitch, Post-it, Aromat, Maggi oder Pampers, die wir in unsere Alltagssprache aufgenommen haben. Frigor, der dänische Kühlschrankproduzent, wurde 2007 verkauft. Die Marke ist verschwunden – der Begriff ist geblieben. Gestützt durch französisch le frigo (kurz für frigorifié "einfrieren", belegt seit 1941), hat sich der Frigor besonders an der Sprachgrenze gehalten. Altes Senslerdeutsch sind beide nicht. Sie sind aber Beispiele, dass neue Dinge in unser Leben treten und wir sie schrittweise in unsere Alltagssprache integrieren. Schon unglaublich, was unser Senslerdeutsch alles kann!  

August 2022
ging
Iis hii mer no ging möge!, ein Spruch von trinkfreudigen Senslern. Asch gi schöön. Aber warum sagen wir ging oder kurz gi für «immer»? Das Idiotikon führte im 19. Jahrhundert gäng auf, mit vereinzelten lautlichen Weiterentwicklungen zu gä, ge, geing oder ging. gäng führt auch zur Herkunft des Worts. Es geht auf gang, gänge «geh» zurück, also wörtlich «gangbar, gut im Gang». Schon mittelhochdeutsch hiess genge dann «leicht gehend, rüstig» oder «unter den Leuten umgehend, gewöhnlich». Es bekam auch eine rein zeitliche Bedeutung «immer, immerfort», gäng wi gäng. Nah verwandt ist gang ù gääb, also «üblich und gegeben». Auf dem Weg von gäng über geing zu ging spricht das Idiotikon von einem «furtiven», einem heimlichen i, das sich entwickelt habe. Der spätere Weg von ging zu gi ist dann vergleichbar mit dem von geben, gäb- zu gää und in gewissen Dialekten auch von gäge zu gä: gä Bäärn zue.  

Juli 2022
Chreezli
Zugluft kann zu Nackenstarre führen. Die Sensler sagen diesem «steifen Hals» noch ds Chreezli. Chrääzli war früher auch von Bern bis Aargau und in der Innerschweiz geläufig. Aber woher kommt dieses lustige Wort? Es ist die Verkleinerungsform von Chreeza «Korb», einst als «Rückentragkorb» weit verbreitet. Der «Tragkorb» lautete althochdeutsch chrezza, mittelhochdeutsch kretze. Lautliche Urform war vielleicht krakse, chrächze etc., möglich ist auch Einfluss von Latein crates «Geflecht, Bündel, Kiste». Das Verb chrääze bedeutete «mühsam tragen, schleppen», als Chreeza traage trugen Sensler jemanden auf den Schultern. Wie hat sich das Wort aber vom Korb auf den steifen Nacken übertragen? Die Motivation ist mir nicht ganz klar: Entweder bezieht es sich auf das Verspannte beim Tragen und dem Träger, auf die Schultern als Körperteil oder auf das Unnachgiebige, Feste des Korbes.  

Juni 2022
naarisch
Isch das naarisch waar!? Zumindest im Sense-Oberland hört man solche Ausrufe noch regelmässig. Ähnlich wie bei woou-, poou- und mooumääu (Ausrufe des Erstaunens) existierten Lautvarianten wie naadisch, naagisch und naarisch. Die Form mit -d- gab es in Bern, Freiburg und Wallis, mit -g- und -r- offenbar nur im Senseland, z.T. in Jaun und Schwarzenburg. Das Idiotikon geht davon aus, dass die Variante mit -d- die Grundform war; naadesch ist dabei verkürzt aus altem nâch-dës "nachgerade". Christian Schmid sagte einst in der DRS-Schnabelweid: «Us nachdes hets naadisch ggää wi us eines einisch.» Auch naadisnaa ist mit naadesch verwandt. Naadisch wie naarisch bedeuteten dann "denn doch, trotz" und "wahrlich, geradezu". Und eben: seltenes naagisch und einigermassen geläufiges naarisch sind eine spezielle Lautentwicklung im und ums Sensland. 

Mai 2022
hiisraamig
Nach dem Maisingen ist manch junger Sensler chyyschtrig. Chyyschtrig haben wir aus Bern übernommen. Im älteren Senslerdeutsch wäre er hiisraamig, was man aber nicht mehr so oft hört. Hiisraamig hat nichts mit «heiss» und nichts mit «Rahm oder Rahmen» zu tun. Es ist ein Relikt aus dem Mittelalter. Heiseram, heisram war eine frühe Erweiterung von heise, heiser, indem in einigen Schweizer Dialekten an heiser die Endung -em angehängt wurde. Durch Betonung veränderte sich der Vokal der Endung von e zu a. Besonders senslerdeutsch ist einzig, dass später an heiseram noch die zusätzliche Endung -ig angehängt wurde (vielleicht analog zu chyyschtrig?). So war eben früher nach dem Maisingen manch eine Senslerin hiisraamig oder hiiseraamig.  

April 2022
Im Leerersch Hùnn
Seit 30 Jahren beschäftige ich mich mit Senslerdeutsch und nach wie vor gibts Neues zu entdecken. Gerade ist der Syntaxatlas der deutschen Schweiz herausgekommen. Da gehts zwar nicht um Wörter, sondern um grammatikalische Eigenheiten, die über das Einzelwort hinausgehen, und um ganze Sätze. Beim besitzanzeigenden Genitiv des Lehrers Hund brauchen rund drei Viertel der Deutschschweizer den Dativ: em Lehrer si Hund (o.ä.). Fast 20 Prozent brauchen den Genitiv (ds) Lehrersch Hund (v.a. in VS/GR). Angegeben wurde auch dr Hund vom Lehrer. Und schliesslich sagen fast nur Sensler im/am Leerers/-rsch Hùnn. Eine Mischung aus Dativ und Genitiv – als Einzigartigkeit wissenschaftlich bestätigt!PS: Aktuell läuft an der Uni Bern auch eine Neubearbeitung des Sprachatlasses der deutschen Schweiz. Die Befragenden haben nur um Jaun und seltener im Senseland den weiblichen Artikel d Coop gehört. Sonst ist für Bern/Freiburg sächlich ds Coop vorherrschend, der ganze Rest sagt männlich de/der Coop.

März 2022
ǜü
Mündlich versteht man Senslerdeutsch ja besser als viele meinen. Schriftlich wirds aber rasch exotisch. Was bedeutet der Accent auf einem U (wie bei jùscht)? Und wie ums Himmelsgottswillen kommt jemand auf die Idee, auf ein Ü noch ein Accent grave zu setzen (stǜǜrze)? So markieren die SenslerInnen laut den Schreib- und Leserichtlinien aus den 1960er-Jahren eine offene Aussprachevariante von U oder Ü. Ù liegt zwischen U und O; Ǜ zwischen Ü und Ö. Für Ostschweizer ist dieser Laut schwer auszusprechen, aber zum Beispiel für Berner oder für Westschweizer ist er alltäglich. Ù entspricht welschem eau «Wasser», Ǜ tönt genau wie deux yeux «zwei Augen». Die Interjektion ǜǜ allein heisst etwa «ach, eh, oho, schau» und wird bei Erstaunen, bei Fragen oder Bestätigung heischend eingesetzt. Ǜǜ jaa, dùù!

Februar 2022
Zaaggi
Die Idiotikon-Redaktion arbeitet am Buchstaben Z. Nun wird im schweizerischen Wörterbuch auch Zaaggi erklärt. Dabei werden zwei Bedeutungen klar getrennt: Zaaggi für eine «zaghafte Person» kommt von zaagge und ist eine «Intensivbildung durch Konsonantenverschärfung» von zagen «mutlos werden; schlaff hängen». Es ist eine relativ junge Bildung (17./18. Jh.), die aber im Westen und in der Innerschweiz älteres zaage/zage fast vollständig verdrängt hat. An der Sprachgrenze ist aber auch der Einfluss von Patois Dzâtchye für den Namen «Jacques» wichtig. Der Patois-Anlaut Dz- hat zum Sensler Zaaggi für «Jakob» geführt (vgl. den berühmten Neuseeland-Abenteurer Jakob «Zaaggi» Lauper). Die beiden Zaaggi-Bedeutungen haben sich bei den Senslern wohl gegenseitig gestützt. Drum hört man Zaaggi heute noch.

Januar 2022
peetle
Es geht das Gerücht, früher seien im Senseland ganze Hiimetlini beim Peetle verspielt worden. Das Kartenspiel Peetle wurde verboten, und heute kennt es kaum mehr jemand. Sein Name kommt eindeutig von la bête, einem Stich-Kartenspiel aus der Zeit um 1600 in Frankreich. Es gab eine Reihe so ähnlicher Spiele wie Triomphe, Ombre, Homme, Mouche, Labett, bei denen sich je nach Region Namen und Spielvarianten vermischten. Ablaufverwandt sind auch Ramse und Hacke, die manche bei uns noch kennen. Wichtig war: Es brauchte einen Einsatz (Jetons, Nüsse, Münzen), den man erhöhen und rasch vermehren oder auch ganz verlieren konnte, wenn man keinen Stich machte. Das englische Wort bet «Wette» entstand wie Peetle um 1600. Die Herkunft von bet ist unsicher. Eine der Varianten geht davon aus, dass bet auf das la bête/peetle zurückgeht.

Dezember 2021
fryggle, tschäggeret
Gustav hat den Preis Sparkasse Sense erhalten. Gratulation! Bei der Preisverleihung hat er sein Lied Häppörischnitta gesungen, wie schon fast überall in der Schweiz. Die Sensler Wörter fryggle und tschäggeret verstehe aber kaum jemand. Hier nun die Erklärung: le friko ist im Patois und schweizerischen Französisch «Festmahl, gebratene Speise». Es ist abgeleitet von frire «braten» und wurde bei uns für spezielle Essen gebraucht: Fùchsefryggù, Chǜubifryggù, Eierfryggù etc. Das Verb dazu war im Patois fricoter, im Senslerdeutschen fryggle «essen». Und tatsächlich braucht das sonst niemand. – Tschägget, gschägget «gefleckt, scheckig, bunt» gab es noch im 19. Jahrhundert fast in der ganzen Deutschschweiz. Im Walliser Lötschental sind di Tschäggete heute noch Fasnachtsfiguren mit bunten Tierfellmasken. Tschäggeret ist eine Lautvariante von tschägget. Auch hier finden wir die Wurzeln im Westen: Altfranzösisch waren Wappen im 12. Jahrhundert eschequeré «schachbrettartig gefleckt», neufranzösisch heisst es échiqueté. Gefleckt, fast wie eine Häppörischnitta.  

November 2021
stüe
Zweimal um die Ecke denken – das müssen wir beim Erklärungsansatz des Sensler Worts stüe. Stüe heisst «geistern» und kommt im Sagenkrimi «Das chùnt scho guet» vor. In mehreren Schweizer Dialekten wurden früher spucken und spuken als gleiche Wörter empfunden. Da man für «spucken» in der Schweiz spüwe/spöye/speie sagte, wurde dies auch für «spuken» gebraucht. Vielleicht geschah dies anfangs einfach zum Spass: Ein Geist wurde in einer Berner Geschichte Sämi Spöu genannt. Im Sensebezirk, Jaun und Guggisberg wurde älteres spüwen dann zusätzlich zu stüwen verwandelt. Den genauen Grund kenne ich nicht. Ich weiss einfach, dass solche Wechsel zwischen Sp-/St- regelmässig vorkommen (vgl. Spreu neben Streu). Kurzes stüe ist dann eine lautgesetzlich typische Verkürzung im Senseland (wie bue aus buuwe, lüe aus lüüje und schnie aus schnyye). Und fertig ist ein spezielles Sensler Wort.

Oktober 2021                   
Brätzele und Tradle
Brätzela hab ich ja noch nie erklärt! Der Begriff geht ins Lateinische zurück: bracchia waren da die «Arme». Ins Romanische kam die Bedeutung «Gebäck mit ineinander gelegten Enden wie gekreuzte Arme». Dies kam ab dem 12 Jahrhundert ins Deutsche als brêzel. Verwandt sind auch frz. bricelets und it. bracciatello. Aber so international der Begriff – so regional variabel die Machart. Gerollt-flach, herzförmig-rund, süss-salzig, als Laugenbrot oder Mürbegebäck. Die salzige Fünf-Loch-Brätzela ist dabei optisch und geschmacklich der Sensler USP. Die gibts nur hier! Kaum mehr ein Sensler Apéro kommt ohne Brätzele aus. Zum Herstellen braucht es Tradle, lange Teigrollen, die zu Schlaufen verbunden und zum Backen auf die Brätzelyse gelegt werden. Tradla/tradle könnte mit «drehen» verwandt sein, wie das Sensler Wörterbuch vermutet. Möglich ist aber auch hier Patois-Einfluss: Tratè – als Lautumstellung von tarte – hiess da «Milchbretzel». Fèr à tratè war im alten Patois von Sugiez «das Bretzeleisen».  

September 2021
hinacht und nächti
Ich hab gedacht: Es gibt sprachlich doch nichts Einfacheres als gestern-heute-morgen. Aber das täuscht. Schwierig ist es vor allem durch die Doppeldeutigkeit von Tag. Tag kann rund 12 Stunden bedeuten (als Gegensatz zur Nacht) oder 24 Stunden (als Teil der Woche). Heute von althochdeutsch hiu dagu «an diesem Tag» galt eigentlich nur für die Zeit des Tageslichts, danach sagte man hia nacht, also «in dieser Nacht, heute Nacht». Das gibt es in ländlichen Gebieten noch heute, dass man hinacht, hinech oder hinet braucht. Die Verbindung moor am Aabe war anfangs unlogisch, da morgen sich auf den morgigen Tag bezog und der Abend nicht mehr zum Tag zählte. Für Rückblicke gab es in der Schweiz nächt, nächti, nächtig «letzte Nacht, letzten Abend». Mittelhochdeuttsch nähte, nähtin hiess «in der Nacht» und war ein alter Dativ, gleich wie morge für «am Morgen, morgen». Also: Gestern, heute, morgen haben sich erst über die Jahrhunderte zu einfachen Wörtern entwickelt.

August 2021
Galterental/Gottéron
Das Galterental, französisch vallée de Gottéron, ist superbeliebt für eine kühle Sommer-Wanderung. Sind die Namen Galteren und Gottéron verwandt? Ich war zuerst auf der Spur von Patois gotta, Französisch goutte «Tropfen; kleine Quelle». Also eine Grundform Got- (vgl. Gottau, Gotta, Gottala, Goutte) mit einer Ableitung -eron. Aber das Glossaire des Patois de la Suisse romande winkt ab: «Der Gewässername Gottéron gehört nicht zu dieser Familie.» In der Deutschschweiz gibt es dafür Galten, Galtenbach, Galt-Plangg und Gautere. Sie gehören zu galt «keine Milch gebend; unfruchtbar» und bezeichnen unfruchtbare, steile Abhänge. Schon ab dem 15. Jahrhundert wurde unser Galteren dann eingewelscht als Galter(r)on und Gaulteron und entwickelte sich zu Gottéron. Dass der Eishockeyclub Gottéron 1982 ins St. Leonhard gezogen ist, ist aber eine andere Geschichte.

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Sensler Museum
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